Theorie und Geschichte der Futurologie

  • Typ: Hauptseminar (HS)
  • Lehrstuhl: KIT-Fakultäten - KIT-Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften - Institut für Technikzukünfte - Philosophie
  • Semester: SS 2021
  • Zeit: 12.04.2021
    16:00 - 17:30 wöchentlich


    19.04.2021
    16:00 - 17:30 wöchentlich

    26.04.2021
    16:00 - 17:30 wöchentlich

    03.05.2021
    16:00 - 17:30 wöchentlich

    10.05.2021
    16:00 - 17:30 wöchentlich

    17.05.2021
    16:00 - 17:30 wöchentlich

    31.05.2021
    16:00 - 17:30 wöchentlich

    07.06.2021
    16:00 - 17:30 wöchentlich

    14.06.2021
    16:00 - 17:30 wöchentlich

    21.06.2021
    16:00 - 17:30 wöchentlich

    28.06.2021
    16:00 - 17:30 wöchentlich

    05.07.2021
    16:00 - 17:30 wöchentlich

    12.07.2021
    16:00 - 17:30 wöchentlich

    19.07.2021
    16:00 - 17:30 wöchentlich


  • SWS: 2
  • LVNr.: 5012063
  • Hinweis: Online
Inhalt

Zeitlichkeit ist für uns Menschen mit Unsicherheit verbunden. Wir erinnern uns mühsam an des Vergangene, die Gegenwart erfassen wir flüchtig und die Zukunft erwarten wir erfüllt von Hoffnungen und Ängsten. Deshalb haben wir Wissensformen entwickelt, um mit diesen Unsicherheiten und Unwägbarkeiten umzugehen. Wir finden auch in den Geisteswissenschaften Disziplinen für diesen Zweck, so für die Vergangenheit die Historik und für die Gegenwart die Epistemologie. Wir haben gelernt, wie wir aus Fragmenten schriftlicher Erzählungen, dysfunktionalen Artefakten und Bautrümmern wissenschaftlich „Vergangenheit(en)“ rekonstruieren können, und wir können erkenntniskritisch und interdisziplinär den Sinnesfluss der unmittelbar erlebten Gegenwart durch Beobachtung, Messung und Instrumenteneinsatz fassbar machen. Wie aber verhält es sich mit der Zukunft? Ist es möglich, überindividuell und überprüfbar „Zukünfte“ festzumachen und zu vermitteln? Und wenn ja, mit welchen Mitteln, in welchen Grenzen und zu welchem Zweck kann und soll dies geschehen?

Dies sind grundsätzliche Fragen. Sie stellen sich allerdings an konkreten Sachfragen, wenn in einer sich schnell wandelnden Gegenwart aufgrund tiefgreifender Disruptionen die je individuelle und auch gemeinsame Zukunft als zunehmend opak und prekär empfunden und bewertet wird. So formierte sich im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg transatlantisch eine neue wissenschaftliche Disziplin, die auf das gesamtgesellschaftliche und politische Bedüftnis antwortete, zuverlässige Prognosen abliefern zu können. Diese „Futorologie“ ist nicht zu trennen von konkreten Zielen (Friedenssicherung; Welternährung; Ressourcensicherung; Umweltschutz), wissenschaftlichen Trends (naturwissenschaftsartige Mathematisierung; Kybernetik) und technischen Entwicklungen (Großrechenanlagen; Datenspeicherung und -übertragung; formale Sprachen).

Methodisch tritt hier – in einer ersten Annäherung – an Stelle der ‚Utopie‘ die ‚Prognose‘, an Stelle des ‚Traums‘ das ‚Modell‘, an Stelle der ‚Narration‘ die ‚Simulation‘. Diesen Wechsel und seine ideen-, wissenschafts- und technikhistorischen Grundlagen wollen wir im Hauptseminar auf Grundlage der rezenten Überblicksliteratur (Seefried 2017; Eberspächer 2018) nachzeichnen, und zwar anhand typischer zeitgenössischer Entwürfe und auch Kritiken (z.B. Jungk 1952; Kahn 1962; Deutsch 1966; von Weizsäcker 1966; Enzensberger 1968; Flechtheim 1970; Steinbuch 1968; Toffler 1970; Steinbuch 1971; Club of Rome 1972; Schumacher 1974; Sieferle 1984). Für eine Prüfung der historiographischen Einordnung sollen ausgewählte Texte der „Zeittheorie“ den Hintergrund liefern (Reichenbach 1951; Schwendter 1984; Koselleck 2000, bes. darin [1984]), ergänzt durch aktuelle kultur- und medienwissenschaftliche Ansätze (Brandstetter/Pias/Vehlken 2010; Wolfsteiner/Rautzenberg 2014) und einen Blick auf die Beforschung von „Technikzukünften“ (Grunewald 2012; Popplow 2020).

Das Seminar richtet sich generell an alle interessierten Studierenden und kann im Studiengang EUKLID im Rahmen des Moduls „Ideen, Begriffe, Konzepte“ als Veranstaltung für IDEE (Ideen, Begriffe, Konzepte) I + II oder im Rahmen des Moduls „Kulturgeschichte der Technik“ als Veranstaltung für KGT I + II besucht werden. Die Studienleistung wird in IDEE I oder KGT I als Impulsreferat mit Handout erbracht, in IDEE II oder KGT II ergänzt durch ein schriftliches Abstract inklusive Literaturrecherche, nachgewiesen als geordnete Literaturliste. Die Referate werden prinzipiell in der Sprechstunde eine Woche vor Termin vorbesprochen, die schriftlichen Leistungen sind im Regelfall bis Semesterende einzureichen.

Literaturhinweise

Überblick

Eberspächer, Achim (2018), Das Projekt Futurologie. Über Zukunft und Fortschritt in der Bundesrepublik 1952–1982, Paderborn. (=Geschichte der technischen Kultur 2)

Seefried, Elke (2015), Zukünfte. Aufstieg und Krise der Zukunftsforschung 1945–1980, Berlin/Boston. (=Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte 106; OpenAccess)

Zeitbegriffe, Grundlagen

Kosellek, Reinhardt (2000), Zeitschichten. Studien zur Historik. Mit einem Beitrag von Hans-Georg Gadamer, Frankfurt a.M. (neu als: suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1656)

Reichenbach, Hans (1951), The Rise of Scientific Philosophy, Berkeley and Los Angeles CA.

Schwendter, Rolf (1984), Zur Zeitgeschichte der Zukunft, Frankfurt a.M. (=Zur Geschichte der Zukunft 2)

Ergänzungen

Brandstetter, Thomas/Pias, Claus/Vehlken, Sebastian (2010), Think Tanks. Die Beratung der Gesellschaft, Zürich.

Grunwald, Armin (2012), Technikzukünfte als Medium von Zukunftsdebatten und Technikgestaltung, Karlsruhe. (=Karlsruher Studien Technik und Kultur 6; OpenAccess)

Popplow, Marcus (2020): „Zur Erforschung von Technikzukünften aus technikhistorischer Perspektive", in: Dobroç, Paulina / Rothenhäusler, Andie (Hg.), 2000 revisited - Rückblick auf die Zukunft, Karlsruhe: KITopen (=OpenAccess)

Wolfsteiner, Andreas/Rautzenberg, Markus (Hgg.) (2014), Trial and Error. Szenarien medialen Handelns, Paderborn.

Zeitgenössisches

Deutsch, Karl Wolfgang (1966): "The Future of World Politics", in: The Political Quarterly, 37 (1), 9–32.

Enzensberger, Hans-Magnus (Hgg.) (1968), Kritik der Zukunft, Frankfurt a.M. (=Kursbuch 14)

Flechtheim, Ossip Kurt (1970), Futorologie. Der Kampf um die Zukunft, Köln.

Jungk, Robert (1952), Die Zukunft hat schon begonnen. Amerikas Allmacht und Ohnmacht, Stuttgart/Hamburg.

Kahn, Herman (1962), Thinking about the unthinkable, New York.

Club of Rome: Meadows, Dennis Lynn/ Meadows, Donella Hager/Randers, Jørgen /Behrens, William W.  III.,  (1972), The Limits to Growth. A Report for the Club of Rome’s Project on the Predicament of Mankind, New York.

Schumacher, Ernst Friedrich  (1974), Small is Beautiful. A Study in Economics as if People Mattered, London.

Sieferle, Rolf Peter  (1984), Zukunftsfeinde? Opposition gegen Technik und Industrie von der Romantik bis zur Gegenwart. München. (=Die Sozialverträglichkeit von Energiesystemen 5)

Steinbuch, Karl (1968), Falsch programmiert. Über das Versagen unserer Gesellschaft in der Gegenwart und vor der Zukunft und was eigentlich geschehen müßte, Stuttgart.

Steinbuch, Karl (1971), Mensch, Technik, Zukunft. Basiswissen für die Probleme von morgen, Stuttgart.

Toffler, Alvin (1970), Future Shock, New York.

von Weizsäcker, Carl Friedrich (1966), Gedanken über unsere Zukunft. 3 Reden, Göttingen.