„Die Zukunft Zeichnen – Technische Bilder als Element historischer Technikzukünfte in der frühen Künstlichen Intelligenz“

  • Ansprechperson:

    Marcus Popplow (KIT)

    Friederike Elias (Universität Heidelberg)

    Christian Vater (KIT)

  • Projektgruppe:

    HEiKAexplore Forschungsbrücke 2019/2020: „Autonome Systeme im Spannungsfeld von Recht, Ethik, Technik und Kultur“

  • Förderung:

    HeiKa - Heidelberg Karlsruhe Strategic Partnership

  • Projektbeteiligte:

    Dr. Friederike Elias, Max-Weber-Institut für Soziologie, Universität Heidelberg

HEiKAexplore Forschungsbrücke 2019/2020: „Autonome Systeme im Spannungsfeld von Recht, Ethik, Technik und Kultur“

Projekt: „Die Zukunft Zeichnen – Technische Bilder als Element historischer Technikzukünfte in der frühen Künstlichen Intelligenz“ l Projektleitung: Prof. Dr. Marcus Popplow (KIT), Dr. Friederike Elias (Universität Heidelberg)
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HeiKa - Heidelberg Karlsruhe Strategic Partnership

Mittels welcher Praktiken tauschen sich Akteure über Technik aus, die noch nicht realisiert ist? Eine Möglichkeit neben anderen ist das Medium Technischer Bilder. Dies kann man besonders gut in Übergangszeiten beobachten, in denen eine neue Schlüsseltechnologie als Ensemble von Innovationen emergiert. Für programmgesteuerte vernetzte Digitalrechner als Vorläufer Autonomer Systeme kann dies zwischen 1936 (Turing: „On computable numbers with an application to the Entscheidungsproblem“) und 1965 (Moore: „Cramming More Components on Integrated Circuits“ / Nelson: „A File Structure for the Complex, the Changing and the Indeterminate“) untersucht werden. Der Projektschwerpunkt liegt auf der frühen Geschichte der Künstlichen Intelligenz in der BRD bei Karl Steinbuch.

Neue Technologien entstehen über einen langen Zeitraum, begleitet von unrealisierten Alternativentwürfen, vergessenen Designvarianten und gescheiterten Fehlentwicklungen. Technische Entwicklungsarbeiten sind dabei immer eingebettet in historische Deutungsmuster, zu denen auch die Wünsche und Verbote, Hoffnungen und Ängste, das Wissen und das Nicht-Wissen einer Zeit gehören. In diesem Möglichkeitsfeld etablieren sich Technikzukünfte als vielfältige Deutungsmuster, an denen sich Entwurf, Entscheidungsfindung und Entwicklung orientieren, und entlang derer über neue Technologien kommuniziert wird. Diese „Technikzukünfte“ werden zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Medien ausgehandelt. Sie ermöglichen es, zu diskutieren, zu entscheiden und zu kooperieren, bevor eine neue Technik real gegeben ist.

Mittels welcher Praktiken tauschen sich nun Akteure über Technik aus, die noch nicht realisiert ist? Wie diskutieren sie offene Fragen, verhandeln Grundhaltungen, erfassen Möglichkeiten und schätzen Risiken ab, wenn sie noch nicht auf ein Artefakt zeigen oder auf einen empirischen Nutzungszusammenhang verweisen können?

Eine Möglichkeit neben anderen (wie Gedankenexperimenten, Rechenmodellen oder materiellen Modellen) ist das Medium Technischer Bilder. Dieses spezielle mediale Format ist kein Zierrat und keine didaktische Stütze für Popularisierungszwecke – und es ist ebenso wenig reduzierbar auf einen Text, den es illustrativ begleitet. Technische Bilder repräsentieren vielmehr eine eigene epistemische Ebene: Maschinenskizzen, Flussdiagramme, Infografiken oder andere spezielle Arten visueller Darstellungen fallen in ihrer heuristischen Funktion in diese Klasse.

Den Einsatz von Technischen Bildern als Praxis des Entwurfs und der Vermittlung von Technikzukünften kann man besonders gut in Übergangszeiten beobachten, in denen eine neue Schlüsseltechnologie als Ensemble von Innovationen emergiert. Für die Schlüsseltechnologie programmgesteuerter (vernetzter) Digitalrechner als Vorläufer Autonomer Systeme kann diese formative und explorative Entstehungszeit sinnvoll zwischen 1936 (Turing: „On computable numbers with an application to the Entscheidungsproblem“) und 1965 (Moore: „Cramming More Components on Integrated Circuits“ / Nelson: „A File Structure for the Complex, the Changing and the Indeterminate“) angesetzt werden. Zwischen Symbol(re)kombinatorischen Algorithmen (Dartmouth-Gruppe) und kybernetischen Steuerungsmodellen (Macy-Gruppe/Ratio-Club) musste theoretisch vermittelt werden, organisatorische und gestalterische Grundsätze (z.B. zentrale Großrechner/dezentrale Personalrechner, Softwaresteuerung/Hard-Wire, institutionaler Besitz/Privatbesitz oder kunstsprachliche Parser/grafische Oberflächengestaltung) mussten ausgehandelt werden. Die Arbeiten Karl Steinbuchs in Karlsruhe fallen in diese formative Phase. Sein Beitrag zur Entwicklung einer Kerninnovation (Lernmatrix) des Maschinellen Lernens ist ein zentraler Anker dieses Forschungsvorhabens.

Die Untersuchung von Technischen Bildern als Strategie der Genese, Vermittlung, Verhandlung und Verbreitung von Wissen verweist gerade in der aktuellen philosophischen Theoriebildung auf eine Dimension von nicht geringer Brisanz auch über die Fachgrenze hinaus: Eine zentrale Methode gegenwärtiger Philosophie ist die logische Analyse oder das Verfahren der Reduktion eines Textes auf seinen propositionalen Gehalt. Neben Gedankenexperimenten oder metaphorischen Erzählungen bleiben in diesem Verfahren die visuellen Elemente, die das Geschriebene begleiten, daher in der Regel unberücksichtigt, obwohl Diagramme oder Infografiken tragende Elemente historischer Erkenntnisprozesse sind: So gibt es nicht nur eine „Grammatik“ der Sprache, sondern auch eine „Dia-Grammatik“ der Zeichen und Zeichnungen (Krämer 2016: „Figuration, Anschauung, Erkenntnis“). Beide unterstützen, ermöglichen und „tragen“ unser Denken.

Analog zur Wissenschafts-, Technik- und Kunstgeschichte, die das Technische Bild seit den 1990er Jahren intensiv erforscht, sollen diese Ansätze nun auch in die philosophisch-wissenschaftstheoretische Diskussion integriert werden – zugleich mit dem Ziel, sie ebenfalls für eine methodisch fundierte soziologische Begleitforschung aktueller Innovationsprozesse handhabbar zu machen.

Das Projekt soll im Rahmen der HEiKAexplore Brücke „Autonome Systeme im Spannungsfeld von Recht, Ethik, Technik und Kultur“ dazu beitragen, ein Verbundprojekt (unter anderem) zwischen Heidelberg und Karlsruhe vorzubereiten und den Themenkomplex „Künstliche Intelligenz aus Sicht der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften“ mit zu strukturieren.

 

Kooperation:

Prof. Dr. Marcus Popplow, Institut für Technikzukünfte - Department für Geschichte, KIT

Dr. Friederike Elias, Max-Weber-Institut für Soziologie, Universität Heidelberg

Projektbearbeiter: Christian Vater, M.A., Institut für Technikzukünfte - Department für Geschichte, KIT