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Call for Papers

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Der Call auf Englisch

Die Erforschung der Geschichte von Universitäten und Hochschulen ist häufig mit Gründungsjubiläen verbunden. Da die Geschichtsschreibung zumeist innerhalb der Hochschulen selbst erfolgt, ist sie zugleich Ausdruck des institutionellen Selbstverständnisses zum Zeitpunkt des Jubiläums und eignet sich, um reflektierte und unreflektierte Selbstzuschreibungen zu untersuchen. Die Beschäftigung mit Hochschuljubiläen ermöglicht aber nicht nur Perspektivierungen vergangener Gegenwarten, sondern rekurriert auch auf vergangene Zukunftserwartungen und die Rolle, die Geschichte darin spielen sollte.

So können Jubiläen Anlass zu Konflikten über Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen bieten: einerseits innerhalb einer Hochschule, wenn verschiedene Gründungsnarrative und Traditionsbezüge miteinander konkurrieren, andererseits zwischen verschiedenen Hochschulen, wenn diese sich Jubiläumsfeierlichkeiten streitig machen. Daher können Jubiläen auch scheitern und weitere Aushandlungsprozesse nach sich ziehen. Beispielsweise stellt die (Nicht-)Auswahl von Jubiläumsakteuren, also der Sprech- und Geschichtsfähigen, auch eine Machtfrage dar, wie studentische Gegenfestschriften nicht nur im Kontext von „1968“ zeigen. Zudem können die mit Jahrestagen einhergehenden Mittelzuweisungen Verteilungskämpfe auslösen und Erkenntnisinteressen der zuständigen Historikerinnen und Historiker mit den Zielen von Hochschulleitungen oder Presseabteilungen konfligieren.

Denn, und das eröffnet ein weiteres Untersuchungsfeld, Jubiläen stellen einen zentralen Aspekt der Kommunikation von Hochschulen dar. Dabei profilieren sich Hochschulen mit gesellschaftlichen Relevanzbehauptungen, die ebenfalls Interdependenzen von Tradition und Innovation, Vergangenheit und Zukunft aufzeigen. Die Modi der Zuschreibung zukünftiger Relevanz sind dabei durch das institutionelle Selbstverständnis einer Hochschule geformt, etwa in der Frage der Verwertung und Anwendbarkeit der Wissensbestände. Widersprüche ergeben sich dabei nicht nur zwischen Institutionentypen (etwa im Vergleich von Universität und TH), sondern auch zwischen Fakultäten und Fächern, die durch unterschiedliche Wissenschaftskulturen geprägt sind. Trotz ihrer disparaten Inhalte werden solche Relevanzzuschreibungen vor dem Hintergrund bewusster und unbewusster Zukunftsannahmen formuliert.

Schließlich werden Jubiläen genutzt, um institutionelle Gravitas herzustellen, häufig durch eine Festschrift, die nicht selten als gesamtinstitutionelle Anstrengung von Dutzenden Autorinnen und Autoren zusammengetragen wird. Doch ist dies nicht die einzige „Geschichtssorte“, die das Jubiläum hervorbringt, diese reichen von Ausstellungen übers Theaterstück bis zu Websites, von Empfängen übergeordneter Behörden bis zu Festkommersen, bzw. Partys studentischer Verbindungen. Durch verschiedene historiographische Praktiken werden individuelle und kollektive Identitäten adressiert und Zugehörigkeiten zu (gedachten) Gemeinschaften (re-)produziert. So kristallisieren im Jubiläum performative soziale Praktiken unterschiedlicher Akteure, die durch Adaption und Alteration jeweils neue Ensembles bilden.

Mögliche Beiträge für den Workshop, der am 19.-20.06.2020 am Karlsruher Institut für Technologie stattfindet, diskutieren Fragen zu den skizzierten und weiteren Problemfeldern seit etwa 1750 am Beispiel von Universitäten, Polytechnika und Technischen Hochschulen, Lehrerseminaren und Pädagogischen Hochschulen, Militärakademien und Universitäten der Bundeswehr, Gesamthochschulen und Fachhochschulen, staatlichen Spezialschulen und Hochschulen in privater Trägerschaft. Besonders erwünscht sind dabei Zugänge, die „vergangene Zukünfte“ diskutieren, verschiedene Institutionentypen verbinden, einen diachronen Ansatz verfolgen oder die Rolle jener Hochschulangehörigen im Jubiläum untersuchen, die bisher weniger Aufmerksamkeit erfahren haben (z. B. aus Technik und Verwaltung). Auch kritische Reflexionen zu laufenden, bzw. geplanten Hochschuljubiläen sind willkommen.

Somit soll der Workshop vor dem Hintergrund einer oft segregierten Forschungslandschaft, die häufig die Geschichte von Universitäten von der anderer Hochschultypen scheidet, die Entwicklung einer integrierten Hochschulgeschichtsschreibung unterstützen. Damit knüpft der Workshop an die Karlsruher Ringvorlesung „Technische Hochschulen. Perspektiven der Universitätsgeschichte“ aus dem Sommer 2018 an.

Wir erbitten Themenvorschläge (max. 2.500 Zeichen, inkl. Leerzeichen) für 20-minütige Präsentationen sowie eine kurze biographische Notiz per E-Mail an anton.guhl∂kit.edu und gisela.huerlimann∂kit.edu bis einschließlich 31.01.2020. Die Auswahl der Referierenden erfolgt bis zum 29.02.2020. Vortrags- und Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch. Wir versuchen, Reise- und Übernachtungskosten für alle Referierenden zu übernehmen, wobei zunächst die Förderung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ohne institutionelle Anbindung und Reisemittel erfolgt. Eine Publikation ausgewählter Beiträge (Peer Review), z. B. als Special Issue einer Zeitschrift, ist angestrebt. Eine Teilnahme am Workshop ohne Mitwirkung an einer Publikation ist ausdrücklich möglich, umgekehrt begründet eine Teilnahme noch keine Veröffentlichung.