Monographieprojekt: Progressive Geschichte. Zur Gegenwart progressiver Politik. Ein Manifest
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Ein Beispiel für eine historisch aufgeklärte Road map politisch progressiver Politik ist das modernisierungstheoretische Konzept des Bielefelder politischen Sozialhistorikers Hans-Ulrich Wehler (1931–2014) aus dem Jahr 1975.1 Es wird hier ausführlicher behandelt, weil es die Chancen und Grenzen progressiver Geschichte gut erkennen lässt.
Die Modernisierungsprobleme der weiteren Gegenwart hängen mit den Befunden des berühmten, aber inzwischen nur noch selten gelesenen Club of Rome-Berichtes des Jahres 1972 mit dem Titel „The limits to growth", der Grenzen des Wachstums, zusammen. Sie werden hier deshalb noch einmal ausführlich in den Kontext ihrer Zeit und zur Diskussion gestellt. Alle Dilemmata progressiver Politik werden an diesem Text exemplarisch deutlich, vor allem das Problem der Diskrepanz von Wissen und Handeln.
Dem Modernisierungs- und Überlebensproblem unserer Zeit schlechthin, der Transition der Industriegesellschaft zu planetarisch wirksamer Nachhaltigkeit, widmet sich ein eigenes Kapitel. Nachhaltigkeit wird im politischen Diskurs ähnlich schnell zum Plastikwort wie Fortschritt, wenn nicht klar benannt wird, um welche Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge und welche Umsetzung es gehen soll. Die Konzentration auf den Prozess der Transition ermöglicht das. Dazu hat eine veränderungsorientierte Geschichte etwas zu sagen.
Welche Gefahren für den liberalen Verfassungsstaat, die offene Gesellschaft und alle Aussichten auf eine demokratisch ausgehandelte nachhaltige Transition der Industriegesellschaft von einem abstammungsrassistischen Geschichts- und Politikverständnis ausgehen wird in einem eigenen Exkurs behandelt. Darüber heute zu schweigen wäre verantwortungslos. Nur im Rahmen des Verfassungsstaates und der Völkerrechtsordnung ist die Transition überhaupt politisch denk- und gestaltbar.
Es bei der Gefährdungsdiagnose von Recht und Demokratie zu belassen ist wenig konstruktiv. Ein eigenes Kapitel untersucht daher die Vorschläge, die der amerikanische Historiker Timothy Snyder gemacht hat, um ,Tyrannei‘ zu verhindern oder zu bekämpfen. Das ist, wie schon seine ,Lektionen‘ zeigen, leichter gesagt als getan.
Ein weiteres Kapitel stellt Felder des progressiven Geschichtsverständnisses vor: nicht in enzyklopädischer, sondern exemplarisch relevanzorientierter Absicht. Progressive Geschichte erschöpft sich als erkenntnisleitendes Interesse nicht in diesen Themen, lässt sich an ihnen aber gut in ihrer Querschnittrelevanz erklären.
1 Hans-Ulrich Wehler, Modernisierungstheorie und Geschichte, Göttingen 1975; hier zit. nach dem Nachdruck: ders., Die Gegenwart als Geschichte. Essays, München 1995, S. 13-123, hier 13-59.