Monographieprojekt: Die Republik der anderen: Deutsch-deutsche Geschichte seit 1990

Deutsch-deutsche Geschichte seit 1990 lässt sich konsequent beschreiben als die eines politischen Kurzschlusses zweier diametral entgegengesetzter Gesellschaftssysteme und Werteordnungen, dessen Folge ein vollentfalteter Prozess der Binnenkolonialisierung und Marginalisierung des kleineren Teils seit den 1990er Jahren war. Dieser mit der Entstehung der Südstaaten-Identität in den USA nach dem Civil War in manchen Aspekten, vor allem hinsichtlich der agonalen Interdependenz von Stigmatisierung und Selbstausgrenzung, vergleichbare Prozess kann von der langen historischen Dauer des Scheiterns deutscher Nationalstaatlichkeit 1848/49 und 1933 bis 1945 ebenso wenig wie von der deutsch-deutschen Geschichte 1949 bis 1989/90 getrennt werden. Denn die inzwischen politisch-integrativ komplett gescheiterte Republik des 3. Oktober 1990 verstand sich dezidiert als neuer, endgültiger deutscher Nationalstaat in selektiver politischer Reaktion auf diese historische Kontinuität. Dieses Scheitern kommt nicht von ungefähr, sondern bestätigt vielmehr eindrucksvoll die langen Linien mitteleuropäischer Spaltungsgeschichte.

Die entstehende Berliner Republik sollte, so z. B. der Berliner Neuzeithistoriker Hagen Schulze 1996 in seiner „Kleinen deutschen Geschichte“, u. a. auf den nationaldemokratischen Traditionen von 1848, den für die spätere Gründung der Weimarer Republik tragenden bürgerlich-liberalen, sozialdemokratischen und parteikatholischen Kräften des Kaiserreichs sowie den in das Grundgesetz eingeflossenen Verfassungsvorstellungen der Weimarer Reichsverfassung in Verbindung mit der Erinnerung an manche Facetten des Widerstands gegen den Nationalsozialismus und die fundamentale antitotalitäre Motivation des Nie wieder! im Grundgesetz beruhen.

Diese hochselektive Erfindung eines deutschen Berliner Nationalstaats war die Fortsetzung, ja Verschärfung der bekennenden Nichtwahrnehmung der DDR und ihrer Gesellschaft, insbesondere ihrer Gesellschaftsordnung und der korrespondierenden politischen Wertvorstellungen einer Gesellschaft prinzipiell ohne Privateigentum an Produktionsmitteln. Aus dem Ergebnis der einzigen freien Volkskammerwahl vom März 1990 wurde die Legitimation des politischen Kurzschlusses zweier Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme abgeleitet, von denen nur eines über funktionierende Sicherungen einer etablierten Eigentumsordnung verfügte. In der Folge entwickelte sich das Beitrittsgebiet zu einem white board für Kolonialismus, ähnlich dem Scramble for Africa im 19. Jahrhundert. Koloniale Gesellschaften wie die der jungen USA sind sehr dynamisch, politisch volatil und durch eine scharfe Trennung von Gewinner:innen und Verlierer:innen geprägt. Das ist auch in der Republik der anderen deutlich zu erkennen.